«Das Magazin» hat 2013 anlässlich einer Essay-Ausschreibung eine Frage gestellt, die mir zwar keine Veröffentlichung, aber einige spannende Stunden bescherte.
«Was habe ich von meinen Eltern mitgenommen?»
Diese Frage hat mich erst verwirrt, dann provoziert, ich bin im Chaos versunken und auf der Couch gelandet. Auf Spurensuche mit einem Genetiker und einem Journalisten habe ich Antworten gefunden.
Was ich von meinen Eltern mitgenommen habe? Eine verwirrende Frage. Sie gibt sich harmlos, klingt im ersten Augenblick einfach – und fragt dann nach so vielem. Sie beginnt bei Kleinkram, geht über Äusserlichkeiten, verirrt sich im Inneren und landet am Ende direkt vor den Füssen unserer Persönlichkeit. Ja, die Frage mischt ganz vorne mit. Beschäftige dich drei Monate damit und du endest im Chaos.
Was ich von meinen Eltern mitgenommen habe?! Das ist eine provozierende Frage: sie provoziert Fragen. Warum lautet die Frage nicht, was mir meine Eltern mitgegeben haben? Und wo genau liegt da der Unterschied? Und wenn ich schon dabei bin, Fragen mit weiteren Fragen zu verdeutlichen – darf ich noch deutlich mehr Fragen stellen? Ich frage nämlich sehr gerne – die Frage, ob das etwas ist, dass ich von meinen Eltern mitgenommen habe, verschiebe ich auf später. Auch das mache ich gerne.
Was ich von meinen Eltern mitgenommen habe – die Frage impliziert, dass ich eine Wahl hatte. Denn wenn ich etwas mitnehme, mache ich das bewusst. Wenn ich es nicht mitnehmen möchte, lasse ich es einfach sein. Ich nehme es mit und beschütze es vor fremden Eingriffen, vor Diebstahl. Oder ich lasse es auf dem Weg liegen, wenn es zur Last geworden ist und weder mir, noch sonst wem nützt. Vielleicht gebe ich es auch weiter, verschenke es. So einfach ist das. Oder? Was, wenn ich etwas mitnehme, ohne es zu wissen? Wenn mir jemand etwas unterjubelt? Mich als Schmugglerin missbraucht?
Ich frage mich weiter: Muss ich diese Frage beantworten? Will ich das? Und überhaupt: was soll diese Frage? Ich trage sie wenn nicht schon mein ganzes Leben dann ganz bestimmt seit Wochen mit mir herum, ja mittlerweile bin ich soweit, dass ich mir damit die Nächte um die Ohren schlage. Nicht die besten Bedingungen, um öffentlich über Familienangelegenheiten zu plaudern. Ich bewege mich damit auf Glatteis. Rutsche ich aus, schlittere ich geradewegs ins Fettnäpfchen und lande im völligen Chaos.
Chaos lässt sich immer gut mit einem noch grösseren Chaos bewältigen – ich konsultiere das Internet. Nach langer Suche lande ich erschöpft auf der Couch von Dean Hamer und Peter Copeland.* Herr Hamer ist Genetiker, Herr Copeland Journalist – eine vielversprechende Kombi. Sie sind zwar schon ein bisschen älter. Aber ich finde sie sympathisch.
Erste Sitzung: Wenn man Journalisten zu viel erzählt
Die erste Sitzung mit Hamer und Copeland ist ganz angenehm. Wir beschnuppern uns. Dean Hamer erzählt, er sei 62 Jahre alt, in Montclair, New Jersey, geboren, Genetiker und schwul. Er sei sich ziemlich sicher, dass er das von seinen Eltern mitgenommen habe. Er gibt Copeland ein Zeichen, fortzufahren, greift in die Brusttasche seines Sakkos und öffnet ein frisches Zigarettenpäckchen. Copeland hält sich bedeckt. Er sei Journalist, seit mehr als 30 Jahren, habe für Zeitungen, Zeitschriften, Online und Fernsehen von Kriegen und grossen Geschichten aus aller Welt berichtet. Aber es gehe hier schliesslich nicht um ihn, sondern um mich.
Er fordert mich auf, mal ganz spontan zu erzählen, was ich denn denke, von meinen Eltern mitgenommen zu haben. Ich solle mich zunächst auf die Dinge konzentrieren, bei denen ich mir wirklich sicher sei. Ich überlege kurz und beginne damit, dass ich die Nase meines Vaters mitgenommen habe und die Füsse meiner Mutter. Das sei offensichtlich. Durch meine Adern fliesse eine Mischung aus ihrem Blut, A+, das könne ich beweisen. Ich erzähle von meinen zwei Geschwistern, und dass ich meinen Eltern für sie sehr dankbar sei. Genau so wie für das Netz, den Halt und die Liebe. «Das habe ich schliesslich auch irgendwie von ihnen mitgenommen, oder? Dafür brauche ich keine offensichtlichen Beweise oder sonstige Erklärungen», sage ich bestimmt.
Hamer zündet die Zigarette an, mit der er während meines Plädoyers herumgespielt hat, nimmt einen tiefen Zug, und schaut mich dabei mit einem freundlichen, aber bis zum Genpool durchdringenden Blick an. Copeland sagt: «Fahren Sie fort, und sagen Sie uns, was Sie sonst noch von Ihren Eltern mitgenommen haben – oder wo Sie zumindest vermuten, dass Ihre Eltern ihre Finger mit im Spiel hatten.» Ich zähle auf, unüberlegt und wirr (das sollte man nie tun bei Journalisten, ich weiss). Ich erzähle von Angewohnheiten. Dass ich bis heute manchmal die Türe nicht abschliesse, obwohl ich längst nicht mehr auf dem Land – wo das zur feinen Tugend gehört und ein bissiger Hund Heim und Herrchen bewacht – sondern in der Stadt wohne. Alleine. Allgemein sei ich wenig auf Sicherheit bedacht, sage ich. Ich fische eine Zigarette aus der Tasche, Hamer gibt mir Feuer. «Inwiefern sind meine Eltern denn mitschuldig daran, dass ich rauche?», frage ich. Copeland sagt, ich solle aufhören, so viel zu fragen – er stelle hier die Fragen.
Also fahre ich fort mit Vorlieben, wie der für das Hegen und Pflegen – von Freundschaften, Tieren, Pflanzen. Hänge positive Charakterzüge an, wie die Offenheit gegenüber allem und allen. Auch neuen Lebensformen. Das Helfersyndrom. Ich sage, dass ich für Menschen, die ich liebe, alles machen würde. Dass Status für mich einen sehr geringen Wert habe, ebenso wie Geld. Hamer schaut mich stumm, aber mit einem fordernden Blick an, der mich völlig blossstellt. Ich mache weiter mit lästigen Wesenszügen. Der Unfähigkeit, Konflikte zu ertragen, dem Harmoniebedürfnis. Der manchmal unterkühlten Art. Dem bedingungslosen Bedürfnis, von Zeit zu Zeit in Ruhe gelassen zu werden. Dem Flüchten in Traumwelten, ja, ich könne eine hoffnungslose Träumerin sein. Und mir über alles bis zum Gehtnichtmehr Gedanken machen. Es sei nicht so, dass ich all dem nichts Positives abgewinnen könne. Aber manchmal sei es ein ganz schöner Fluch. Ich komme so richtig in Fahrt. Ich will ihnen noch viel mehr erzählen, aber – vielleicht besser so – dann ist die Stunde vorbei. Wie viel sie mich gekostet hat, verrate ich nicht.
Zweite Sitzung: Stimmungsschwankungen und Drogen
In der zweiten Sitzung geht’s ans Eingemachte. Ich sage den beiden, dass ich wissen möchte, ob ich denn die Wahl hatte. Ob ich all die Dinge, die ich ihnen bei der letzten Sitzung anvertraut hatte (ausser der Nase, den Füssen, der Blutgruppe, den Geschwistern, dem Netz, dem Halt und der Liebe, natürlich), nicht hätte mitnehmen müssen, wenn ich nicht gewollt hätte. «Meine Herren», beginne ich, «jetzt mal unabhängig davon, ob es sich dabei um Dinge handelt, die ich von meinen Eltern mitgenommen habe – habe ich überhaupt eine Wahl?» Copeland lässt einen Seufzer los, Hamer schliesst für einen Augenblick die Augen. Ich werde zur Psychologie-Nachhilfestunde verdammt. «Fangen wir ganz vorne an», sagt Hamer. «Ihre Persönlichkeit besteht aus Ihrem Temperament und Ihrem Charakter und ich schlage Ihnen vor, in dieser Sitzung Ihr Temperament unter die Lupe zu nehmen.» Ich stimme kleinlaut zu. Sie lassen mir keine andere Wahl.
Ich lerne: Das Temperament, das ist meine typische Art, das ist das, was ich meinen Mitmenschen tagtäglich zumute. Mein Online-Diktionär bietet mir ein paar Stunden später ein feuriges, lebhaftes, cholerisches, melancholisches, phlegmatisches Temperament zur Auswahl – ich gehe mit dem Gedanken zu Bett, dass das alles in unterschiedlichen Ausprägungen auf mich zutrifft. Hellhörig werde ich, als mir Hamer und Copeland erklären, dass das Temperament auf psychologisch «die angeborene, biologische Dimension» bedeute. «Bezüglich Ihrem Temperament hatten Sie soviel Wahlmöglichkeiten wie wenn es um Ihre Füsse ging: keine», sagt mir Copeland. Und Hamer fügt an: «Sie können Ihr Temperament nicht einfach ändern – es tendiert, beständig zu sein.» Sie fragen mich, ob ich als Kind eher ausgeglichen gewesen sei, oder in einer Minute traurig und glücklich in der nächsten. «Ist Ihnen ein Tag ohne wirklichen Grund wesentlich schöner vorgekommen als andere? Schwankte Ihre Stimmungslage?», fragt mich Hamer. Ich stutze. Woher weiss dieser Genetiker, wie oft mein tägliches Leben eine Achterbahnfahrt ist, die mich mit Lichtgeschwindigkeit in die Abgründe des Unglücklichseins drückt, nur um mich dann kurz vor dem Nervenzusammenbruch wieder in die Höhen des Glücks zu katapultieren? War ich etwa als Kind auch schon so? Nach der Sitzung rufe ich meine Eltern an. Ja, mein Kind, sagen sie, es war nicht immer einfach mit dir.
Dritte Sitzung: Sensible Reaktionen und Prokrastination
«Herr Hamer, Herr Copeland, darf ich Dean und Peter sagen? Sie kennen mich nun ja schon ein bisschen, und das würde mir helfen…», beginne ich die dritte Sitzung selbstbewusst. Dean und Peter sind einverstanden. Ich vertraue ihnen an, dass mich die letzte Sitzung noch lange beschäftigt habe. «Das heisst also, ich kann nichts für meine Stimmungsschwankungen? Und auch meine Eltern nicht? Ich habe es zwar von ihnen mitgenommen, aber das war keine Absicht, weder von mir, noch von ihnen?» Die beiden nicken zustimmend. Dean erklärt, dass persönlichkeitsbildende Eigenschaften im Augenblick der Zeugung aus den Genen zweier Menschen geschaffen werden. «Kein Wunder bin ich manchmal so verwirrt, wenn man weiss, was sich da teilweise vermischt hat», pruste ich dazwischen. Aber nur in Gedanken. Diese Eigenschaften seien ein Produkt, fährt Dean fort, das über Generationen der Evolution, über Millionen Jahre immer weiter entwickelt wurde: gesammelt, komprimiert, verfeinert. Er hält mir seine rauchende Zigarette vor die Nase. «Und um auf deine Schuldfrage aus der letzten Sitzung bezüglich deines Lasters zurückzukommen: Auch die Abhängigkeit von Alkohol, Tabak und Drogen sind zum Grossteil durch Vererbung bestimmt.»
Bevor ich mir weiter darüber Gedanken machen kann, nimmt mich Dean in die Mangel: «Würdest du dich als aktiv bezeichnen?», fragt er. «Geht so», antwortete ich. «Bist du reagibel?», legt er nach. «Würde helfen, wenn ich wüsste, was das heisst», gebe ich etwas genervt zurück. «Reagierst du bei den kleinsten Anlässen sensibel?», erklärt Dean. Seine Mundwinkel zucken. «Ich? Nein…», murmle ich. Ich blicke nervös zu Peter – der verdreht die Augen. «Ja, doch… könnte man so sagen», gebe ich zu. «Alles zum grössten Teil vererbt», beruhigt mich Dean. Der Ursprung sei in der genetisch festgelegten Chemie des Gehirns begründet, vor allem im limbischen System, das für Empfinden und Verhalten verantwortlich sei. Dort finde sich der Ursprung von Furcht, Aggression, Vergnügen. Ich bin etwas zerknirscht. «Wollt ihr mir damit sagen, dass es keine Aussicht auf Besserung gibt? Werde ich meinen Lebensabend als kettenrauchende Oma mit Stimmungsschwankungen verbringen?» – «Diese Frage verschieben wir auf die nächste Stunde», meldet sich Peter, der heute verdächtig ruhig war, zu Wort, und schliesst sein Notizbuch. Ich verlasse den Raum mit der Genugtuung, dass Prokrastination anscheinend eine blöde Angewohnheit ist, die vor niemandem halt macht.
Vierte Sitzung: Blick frei auf meine Seele
Ich hätte es wissen sollen. Peters Schweigen war nur die Ruhe vor dem Sturm. In der vierten Sitzung läuft er zu Hochform auf. «Bringst du Opfer, um die Welt zu verbessern?», fragt er. «Manchmal», sage ich. «Bist du dir selbst die nächste?» – «Ich wünschte, ich wäre mir manchmal näher.» – «Nimmst du Menschen, wie sie sind, auch wenn sie anders sind?» – «Ich versuche es zumindest – was sollen diese Fragen?» Peters Augen funkeln mir zu. Ich funkle zurück. Ein Fragekampf bahnt sich an. Zum Glück geht Dean dazwischen. Das seien Aspekte meines Charakters, sagt er mir, neben meinem Temperament der zweite Teil meiner Persönlichkeit – und der flexible Aspekt von ihr. Mit diesen Eigenschaften und Zügen sei ich nicht auf die Welt gekommen, die hätte ich mir während dem Aufwachsen in meiner Umwelt angeeignet. «…Und damit vielleicht von meinen Eltern mitgenommen», füge ich nachdenklich an. Ja, bestätigt Dean, ein gewisses Verhalten habe man, weil man sich an das Gefühl erinnere, dass sich einstellte, wenn man sich früher in einer gewissen Situation auf eine bestimmte Art verhielt. Wurde man bestraft oder belohnt?
Dean schlägt die Beine übereinander, redet weiter wie ein Buch: Der Charakter werde von Erinnerungen gebildet, diese über die Grosshirnrinde vermittelt – dem Sitz der Erinnerung und der Ort, wo wir planen, rechnen, vergleichen, urteilen. In der neueren Evolutionsgeschichte sei diese sprunghaft grösser, komplexer, ja menschlicher geworden. «Sie ist der Manager für das restliche Gehirn, sie analysiert die Welt und entscheidet, wie man reagieren soll», erklärt mir Dean. Und jetzt werde es spannend, denn hier komme sie, meine so vehement verlangte Freiheit, wählen zu können: «Der Charakter hat die Fähigkeit, das Temperament abzuwandeln.» Er sei ein Hilfsmittel zur Befreiung, ein wissenschaftliches Fenster, durch das wir die Seele entdecken könnten, hievt Dean den Charakter in mir bisher unbekannte Höhen. Von Geburt an hätten wir die Flexibilität, uns an Hindernisse und Herausforderungen anzupassen. Aufzuwachsen bedeute auch, zu lernen, wie man mit sich selbst umzugehen habe. Jeder habe die Möglichkeit, sich seinem Temperament zu fügen oder gegen es anzugehen, es zum Vorteil zu nutzen oder es zu verbergen. Manchmal könne man innerhalb von einem Leben beides. «Verstehe schon, ich kann dem Bedürfnis zu rauchen nachgeben oder widerstehen. Ich kann meine Stimmungslagen verfluchen, oder sie nutzen», sage ich und frage, ob ich also alle Möglichkeiten hätte, etwas gerade (oder andersrum) zu biegen. Nein, die Möglichkeiten seien begrenzt, antwortet Dean: «Wir können nicht alles sein, was wir sein möchten, aber wir können all das werden, was uns möglich ist.» – «Und woher soll ich wissen, was mir möglich ist», frage ich. Das müsse ich selber herausfinden, sagt Dean. Wenn man jenseits von Mythen und Stereotypen zur Persönlichkeit vordringe, könne man sein Temperament entdecken und positive Charakterzüge daraus entwickeln. Das würde mir helfen, mich selbst zu finden und bessere Beziehungen aufzubauen. «Jeder einzelne von uns kommt als Person auf die Welt – den Rest der Zeit in unserem Leben verbringen wir damit, herauszufinden, wer diese Person ist», schliesst Dean die Sitzung. Ich schaue verträumt ins Leere.
Letzte Sitzung: Wurzeln, Flügel und noch mehr Fragen
Die letzte Sitzung steht an – zur Feier öffnen wir drei eine Flasche Rotwein. Dean und Peter wollen wissen, was ich aus den Sitzungen mit ihnen mitnehme. Ich sage, es sei irgendwie beruhigend zu wissen, dass ich teilweise keine Wahl hatte, dass ich Sachen mitgenommen habe, weil ich musste, nicht anders konnte. «Mein Temperament ist mein Schicksal, aber ich trage es in meinen eigenen Händen», sage ich, bereits ein wenig weinselig. Und dass es mein Schicksal ja gut mit mir gemeint habe, dass ich so viel Schönes mitnehmen durfte. Schlechte Angewohnheiten mit den Genen zu entschuldigen – das sei feigherzig. Damit mache man es sich ganz schön einfach. Ich erzähle ihnen, wie ich immer wieder erschreckt feststelle, dass ich in gewissen Situationen genau gleich wie mein Vater oder meine Mutter reagiere. «Oftmals sind das Dinge, bei denen ich mir ganz sicher war, nie so zu werden wie sie», erkläre ich. Er verstehe mich, sagt Dean. «Wir kommen grösstenteils vorgefertigt aus der Fabrik. Wir akzeptieren, dass wir wie unsere Eltern aussehen. Es fällt uns jedoch wesentlich schwerer, mit der Vorstellung zurechtzukommen, dass wir auch so wie sie handeln.» Dabei sei das nicht schlimm, im Gegenteil: «Es ist schön. Das heisst ja nicht, dass wir dazu verurteilt sind, so zu werden wie unsere Eltern; es heisst nur, dass wir mit unserer Reise dort beginnen, wo unsere Eltern aufhörten.»
Diesen Satz würde ich gerne länger wirken lassen, doch Peter lässt das nicht zu. Ob mich die Frage, was ich von meinen Eltern mitgenommen habe, denn nun schon weniger verwirre, will er wissen. Ich bejahe und nehme einen grossen Schluck Wein: «Irgendwo habe ich gelesen, zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern mit auf den Weg bekommen: Wurzeln und Flügel. War das Goethe? Ist ja egal… auf jeden Fall denke ich, das trifft es ganz gut. Ich glaube, das Grösste, das ich von meinen Eltern mitnehmen durfte, ist die Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich selbst für richtig halte und das Wissen um ein Netz, das mich auffängt, sollte ich diese Freiheit einmal überstrapazieren.»
Ich werde wehmütig. Ich könnte noch stundelang mit Dean und Peter weiter diskutieren. Das hat was Befreiendes. «Ich hätte noch so viele Fragen», sage ich. Zum Beispiel wisse ich noch immer nicht, ob ich die Vorliebe fürs Fragen von meinen Eltern mitgenommen habe. Dean und Peter schauen erst sich, dann gleichzeitig mich an. «Das ist eine gute Frage», sagt Peter, und prostet mir zu. «Beantworte sie für dich selbst», fügt Dean an, und zwinkert mir zu. «Ich werde es versuchen», sage ich. Vielleicht, füge ich mittlerweile ziemlich beschwipst an, sei es aber auch gar nicht so wichtig, auf diese Frage eine Antwort zu finden. «Vielleicht wäre es wichtiger, mir abzugewöhnen, nicht alles immer bis ins letzte Detail zu hinterfragen.»
*Dean Hammer, Peter Copeland: Persönlichkeit: Die Suche nach dem Kern des Ich. In: Psychologie Heute, 8/98, S. 20.